Häufig werden im Rahmen einer Diskussion um genetische Untersuchungen von Embryonen Parallelen zu Aldous Huxley’s „Brave New World“ gezogen. Kritiker befürchten, dass durch genetische Voruntersuchungen „Designer-Babys“ entstehen könnten, bei denen die Eltern letztlich über Haar- und Augenfarbe, Größe, im Extremfall sogar vielleicht Charaktereigenschaften ihres Nachwuchses bestimmen könnten.

Natürlich sind diese Befürchtungen angesichts des immer rascher voranschreitenden medizinischen Fortschritts nicht völlig aus der Luft gegriffen – die Kritiker übersehen allerdings, dass in bestimmten Fällen eine Selektion von Embryonen angezeigt ist.

Bei entsprechender genetischer Vorbelastung der Eltern dürfen extrakorporal erzeugte Embryonen außerhalb des Mutterleibes noch vor einer Implantation auf schwere Erbkrankheiten untersucht werden. Mit seiner Entscheidung vom 06.07.2010 (Az: 5 Str 386/09) hat der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs nunmehr Rechtsklarheit geschaffen. So können die Gefahren eines etwaigen Aborts, eine Totgeburt, eines Versterbens des Neugeborenen oder die Geburt eines schwerkranken Kindes vermieden werden.

In dem der Entscheidung zugrundeliegenden Fall hatte ein Berliner Gynäkologe für drei erblich vorbelastete Paare die umstrittene Präimplantationsdiagnostik (PID) an pluripotenten, d.h. nicht zu einem lebensfähigen Organismus entwicklungsfähigen Zellen durchgeführt. Die Untersuchung diente dem Zweck, Embryonen ohne genetische Anomalien herausfiltern zu können und lediglich diese zu übertragen, was letztlich auch in allen drei Fällen so geschah.

Das Landgericht Berlin sprach den Arzt im Mai 2009 frei, weil es keinen Verstoß gegen das seit 20 Jahren geltende Embryonenschutzgesetz (ESchG) erkennen konnte. Diese Auffassung hat nun auch der BGH – unter Betonung, dass Gegenstand der Entscheidung ausschließlich die Untersuchung von Zellen auf schwerwiegende genetische Schäden zur Verminderung der genannten Gefahren gewesen sei – bestätigt:

Durch sein Verhalten habe der Arzt weder § 1 Abs. 1 Nr. 2 ESchG (missbräuchliche Anwendung von Fortpflanzungstechniken) noch § 2 Abs. 1 ESchG (missbräuchliche Verwendung menschlicher Embryonen) verletzt. Auch könne kein Verbot der erst nach Erlass des ESchG im Jahr 1990 im Ausland entwickelten PID abgeleitet werden.

Der mit dem ESchG verfolgte Zweck, nämlich der Schutz von Embryonen vor Missbräuchen, werde durch eine PID nicht berührt. Vielmehr erlaube das ESchG die extrakorporale Befruchtung zur Herbeiführung einer Schwangerschaft ohne weitere Einschränkungen.

Ein strafbewehrtes Gebot, Embryonen auch bei genetischen Belastungen der Eltern ohne vorherige Untersuchung zu übertragen, berge hohe Risiken in sich – vor allem sei zu besorgen, dass sich die Schwangere im weiteren Verlauf nach einer ärztlicherseits angezeigten und mit denselben Diagnosemethoden durchgeführten Pränataldiagnostik, für einen Schwangerschaftsabbruch entscheide. Die PID sei geeignet, solch schwerwiegende Gefahren zu vermindern.

Es könne nicht davon ausgegangen werden, dass der Gesetzgeber sie verboten hätte, wenn sie bei Erlass des ESchG schon zur Verfügung gestanden hätte. Hiergegen spreche auch die Wertentscheidung des Gesetzgebers in § 3 Satz 2 ESchG, der eine Ausnahme vom Verbot der Geschlechtswahl durch Verwendung ausgewählter Samenzellen normiert. Mit dieser Regelung sei der aus dem Risiko einer geschlechtsgebundenen Erbkrankheit des Kindes resultierenden Konfliktlage der Eltern Rechnung getragen worden, die letztlich in einen Schwangerschaftsabbruch münden könne. Eine gleichgelagerte Konfliktlage habe auch in den zu beurteilenden Fällen bestanden.

Unser Fazit:

Genetisch vorbelastet Paare mit Kinderwunsch können aufatmen – die Entscheidung des BGH ermöglicht es Ihnen bzw. Ihrem behandelnden Arzt, im Rahmen einer In-vitro-Fertilisation entstandene Embryonen vor der Übertragung in die Gebärmutter auf genetische Anomalien zu untersuchen und bei einem derartigen Befund gar nicht erst einzupflanzen.

Damit verschiebt sich in diesen Fällen die Möglichkeit einer Früherkennung von chromosomalen Anomalien vom Bereich der Pränatal- in die Präimplantationsdiagnostik. Dies wiederum schützt Schwangere vor Gefahren, die aufgrund einer erst spät diagnostizierten schweren Erkrankung des Embryos entstehen können.

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